Schlafen ist gesund

Optimismus, Selbstbewusstsein, Bindung - was uns wirklich stark macht

Interview mit Wissenschaftsjournalistin und Autorin Christina Berndt

Während manche Menschen durch Schicksalsschläge in tiefe Krisen stürzen, bewahren andere in derartigen Situationen Mut und Zuversicht und gelten als resilient. Die studierte Biochemikerin Christina Berndt berichtet als Wissenschaftsjournalistin für die Süddeutsche Zeitung über Medizin und Psychologie und hat den Spiegel-Bestseller „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft“ veröffentlicht, der sich bis heute 250.000 Mal verkaufte. Sie wurde u. a. mit dem European Science Writers Junior Award ausgezeichnet und unter die Top 3 der Wissenschaftsjournalisten 2013 gewählt. 

In den letzten Jahren hat der Begriff „Resilienz“ in unserer schnelllebigen, leistungsorientierten Berufswelt immer mehr an Bedeutung gewonnen – aber was genau verbirgt sich eigentlich dahinter?

Resilienz bezeichnet die Widerstandfähigkeit unserer Seele, von der wir uns wünschen, dass sie nach Niederlagen bzw. Schicksalsschlägen wieder gesundet. Man kann sich das wie bei einem Flummi vorstellen, der auf dem Boden aufschlägt, eingedrückt wird, aber sobald er abspringt, wieder seine ursprüngliche runde (gesunde) Form annimmt. Tatsächlich wird der Begriff heute immer häufiger genutzt, was auch daran liegt, dass wir Resilienz in unserem teilweise überfordernden, lauten, hektischen Alltag verstärkt benötigen.

 

Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden?

Wirklich aufmerksam geworden bin ich auf das Thema durch die Geburt meines ersten Kindes. Als junge Mutter wollte ich wissen, wie ich mein Kind fürs Leben stärke und was ich entsprechend bei der Erziehung zu beachten habe. Darüber hinaus begleitet man im Laufe des Lebens immer mehr Personen bei ihrem individuellen Umgang mit Schicksalsschlägen wie Unfällen, Krankheiten oder Trennungen. Nicht selten habe ich gestaunt, wie unterschiedlich meine Mitmenschen mit derartigen Ereignissen umgegangen sind – warum sind die einen daran zerbrochen, während andere nach kürzester Zeit wieder nach vorn geblickt haben? Es hat mich einfach interessiert, dem nachzugehen.

 

Man spricht von verschiedenen Säulen der Resilienz. Welche Resilienzfaktoren halten Sie für besonders wichtig?

Grundsätzlich gibt es Faktoren, die uns schützen, und Dinge, die uns verletzbar machen.

Das Wichtigste ist zweifelsfrei Bindung – einerseits verlässliche Mitmenschen zu haben, andererseits selbst überhaupt bindungsfähig zu sein. Familie, Bekannte, Freunde – sie sind es, die einen durchs Leben und damit auch durch zu bewältigende Schwierigkeiten tragen. Speziell für Kinder ist Bindung von größter Bedeutung. Von verbundenen Personen lernen sie, dass man auch einstecken können muss, auch mal verliert, letztlich Strategien, wie man grundsätzlich mit seelischem, aber auch körperlichem Schmerz umgeht.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist Optimismus. Wenn es mir bei Krisen gelingt, optimistisch zu bleiben und daran zu glauben, dass es wieder besser werden wird, zeige ich Resilienz. Dieser positive Glaube kann durch Lebenserfahrung, unterstützende Freunde, aber auch Literatur „gefüttert“ werden.

Ferner zählt sicherlich Selbstbewusstsein zu einem der wichtigsten Resilienzfaktoren. Der Glaube an sich selbst und daran, dass man es schafft: „Ich sitze zwar gerade in einem schwarzen Loch, es ist nur schwer erträglich, aber ich schaffe es da wieder herauszukommen, ich habe schon ganz andere Dinge geschafft.“

Grundsätzlich sind auch Dankbarkeit für die guten Dinge, Humor und einfache Neugierde aufs Leben förderlich, um resilient durchs Leben zu gehen.

 

Ist Resilienz eine Frage der Persönlichkeit oder lässt sich diese Fähigkeit aktiv erlernen?

Resilienz lässt sich ganz klar erlernen bzw. stärken. Zwar kommen wir alle mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften auf die Welt und erfahren durch unsere Elternhäuser eine gewisse Prägung, aber Resilienz ist auch eine Strategie: Ich sitze im Loch, was tue ich jetzt? Optimistisches lösungsorientiertes Denken lässt sich erlernen. Darüber hinaus werden wir aufgrund der eigenen Lebenserfahrung mit dem Alter in der Regel von ganz allein resilienter, weil wir wissen, dass etwas, das wir bereits erlebt haben, auch wieder funktionieren wird – sogenannte Lernerfolge aus der Vita.  

Resilienz lässt sich zudem mit einfachen praktischen Übungen trainieren. Um weniger pessimistisch zu sein, sollte man seinen Fokus auf die guten Dinge legen und weniger auf das, was schiefgelaufen ist. Freuen Sie sich auch über Kleinigkeiten, sei es das letzte Stück von Ihrem Lieblingskuchen, das Sie beim Bäcker ergattert, oder die letzte Bahn, die sie doch noch erwischt haben. Stecken Sie sich z. B. fünf Steinchen in die rechte Hosentasche und immer, wenn etwas Gutes am Tag passiert, wandert ein Steinchen in die linke Tasche. Abends haben Sie dann hoffentlich fünf Glücksmomente gesammelt. Oder überlegen Sie bei Geschehnissen, die Ihnen nicht gefallen, wie schlimm diese eigentlich in drei Stunden, Tagen oder Wochen sind – vergessen? Das hilft, Dinge in ihrer Tragik einzuordnen, oft werden sie dadurch kleiner.

 

Kann auch ein Team oder gar ein Unternehmen über Resilienz verfügen?

Tatsächlich gibt es auch mehr oder weniger resiliente Teams. Ein Thema, das klar bei der Führung beginnt. Resiliente Führungskräfte zeigen auch einmal Schwäche, sind nicht immer perfekt und geben Fehler offen zu. Nur so kann ich mir auch als Mitarbeiter eingestehen, dass es an einem Tag mal nicht so gut läuft, mir Druck nehmen und damit die psychische Gesundheit bewahren. 

Grundsätzlich spricht auch die Wirtschaft von resilienten Organisationen, die aber natürlich wiederum von der Resilienz ihrer Mitarbeiter abhängt. Wenn sich Firmen aufgrund von Veränderungen von Markt und Umwelt auf Neuerungen einstellen können, flexibel, dynamisch und wandlungsfähig sind, sind sie in der Regel auch resilient. Entsprechende Voraussetzungen finden sich eher in dynamischen als in hierarchischen Unternehmen. 

 

Und zum Schluss noch eine persönliche Frage – haben Sie schon einmal eine Krise erlebt, in der Sie auf Ihr Fachwissen zurückgreifen konnten?

Auf jeden Fall, ich profitiere sehr von meinen gewonnenen Kenntnissen – im Großen wie im Kleinen. Heute ist das Glas für mich halbvoll und nicht halbleer. So schaue ich beispielsweise nach meinen Vorträgen mittlerweile auf die zahlreichen begeisterten Teilnehmer und nicht mehr auf den einen, der etwas auszusetzen hat. Und wenn etwas schiefgelaufen ist, versuche ich mir zu sagen „war jetzt nicht so toll, aber ich habe etwas daraus gelernt, das passiert mir nicht wieder“.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass es die ultimative Resilienz nicht gibt. Es gibt verschieden schwere Krisen und unterschiedliche Lebensphasen, in denen man Dinge leichter oder auch schwerer ertragen kann. Außerdem wollen wir auch gar nicht in einer Ritterrüstung durch die Welt schreiten und alles an uns abprallen lassen, wir wollen fühlen, dürfen auch einmal weinen, jammern und sogar umfallen, der Mensch ist selbstverständlich verletzlich. Wichtig ist es nur, für die Stürme des Lebens trainiert zu sein und immer wieder aufzustehen.


Christina Berndt

Christina Berndt 

Autorin


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