Perfektionismus

Möchten oder müssen? Wie wir aus der Perfektionismus-Falle herauskommen

Antreiben oder übertreiben

Von Bastian Bretthauer

 

Der Traum von der Vollkommenheit ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Einerseits treibt uns der Perfektionismus zu Höchstleistungen an. Gäbe es ihn nicht, wären viele Museen leer, Bücher nicht geschrieben, Flugzeuge nicht gebaut oder Computer nicht erfunden worden. Auch viele Dinge, auf die wir heute im Berufs- wie Privatleben stolz sind, hätten wir ohne unsere inneren Antreiber nicht erreicht. Anderseits hindern uns zu hohe Ansprüche daran, tief in unserem Inneren wirklich zufrieden zu sein. Psychologen sprechen vom „dysfunktionalen Perfektionismus“, wenn unsere hohen Ansprüche überwiegend von Angst geprägt sind und wir deswegen unser Handeln und Tun übertreiben. Die Angst vor Fehlern beispielsweise führt zu übertriebenem Kontrollieren, die Angst davor, schwach zu wirken, führt zu demonstrativer, äußerer Härte oder die Angst, andere zu enttäuschen, zu ewiger Freundlichkeit.

 

Möchten oder müssen

Antreiber sind wie ein Autopilotprogramm und treten in Form von „Ich-muss-Gedanken“ auf. Sie bilden sich bis zur Pubertät aus, weil wir bis dahin lernen, was uns gesagt wird. Erst als Teenager beginnen wir, die Vorstellungen der Eltern oder Lehrer zu hinterfragen und unsere eigenen Maßstäbe zu definieren. Fünf weitverbreitete und typische „Ich-muss-Gedanken“ sind:

  • Ich muss immer stark sein 
    Ich komme alleine zurecht. Wie es drinnen aussieht, geht keinen etwas an. Mich erschüttert nichts so leicht. Beiß die Zähne zusammen! Zeig keine Gefühle!
  • Ich muss immer perfekt sein 
    Wenn ich eine Arbeit mache, dann gründlich und fehlerfrei. Ich mag keine Schlamperei. Ich finde immer noch etwas zum Verbessern. Ich muss noch besser werden!
  • Ich muss immer nett sein 
    Es fällt mir schwer, „Nein“ zu sagen. Sei liebenswürdig! Bloß kein Streit! Sei freundlich zu allen! Sei gefällig!
  • Ich muss immer schnell sein 
    Ich bin ständig in Bewegung und dauernd beschäftigt. Ich mache mehrere Dinge gleichzeitig. Ich fühle mich als Motor, der Dinge voranbringt. Mach schnell!
  • Ich muss mich immer anstrengen 
    Wer nie aufgibt, erreicht alles. Erfolge muss man sich hart erarbeiten. Ich muss es schaffen! Ich schaffe es auch ohne fremde Hilfe!

Können oder dürfen

Im Unterschied zur Kindheit können wir uns als Erwachsene unserer „Ich-muss-Gedanken“ bewusst werden und versuchen, diese durch „Ich-kann-Gedanken“ oder „Ich-darf-Gedanken“ zu ersetzen. Diese Entscheidungsfreiheit sollten wir nutzen und uns stets vor Augen führen, um es mit unseren Ansprüchen nicht zu übertreiben. Einfacher gesagt als getan, schließlich können wir nicht unsere inneren Antreiber, mit denen wir ein Leben lang herumgelaufen sind, einfach über Bord werfen. Genauso wenig können wir unsere Schuhgröße ändern. Doch wir können mehr als nur ein Paar Schuhe im Schrank haben, passend für unterschiedliche Situationen und Lebenslagen. Überlegen Sie, welche Sätze für Ihre persönliche Weiterentwicklung wichtig sind. Wovon möchten Sie in Zukunft mehr haben? Welche innere Erlaubnis, etwas zu dürfen, möchten Sie sich in Zukunft häufiger geben? Und um im Bild zu bleiben: Welche der neuen Schuhe möchten Sie in Zukunft tragen und putzen?
 

  • stark sein können                                                                                                                       Ich darf offen sein und mich zeigen. Ich kann um Hilfe bitten, ohne mein Gesicht zu verlieren. Ich darf mich zusammen mit anderen kraftvoll für Menschen und Anliegen einsetzen.
  • perfekt sein können
    Ich darf mich entscheiden, was ich perfekt mache und was einfach nur gut! Ich bin wertvoll und liebenswert und ich kann auch etwas leisten. Ich darf auch Fehler machen und aus ihnen lernen.
  • nett sein können
    Ich darf meine Bedürfnisse und Wünsche zeigen! Ich darf mich anderen zumuten – andere tun‘s ja auch! Ich darf Termine mit mir selbst wahrnehmen und es mir gutgehen lassen.
  • schnell sein können
    Ich kann mich entscheiden, ob und wann ich mich beeile! Ich darf mir die Zeit geben, die ich brauche! Ich darf Pausen machen. Ich darf meinen Rhythmus und meine Form berücksichtigen!
  • sich anstrengen können
    (Ich darf an der Arbeit auch Spaß haben. Ich darf etwas mit Gelassenheit tun und vollenden. Auch wenn es leicht geht, ist es wertvoll. Ich darf mich immer wieder auch entspannen und Fortschritte genießen. Ich darf Vereinbarungen über realistische Ziele treffen.

Zum Abschluss eine kleine Übung: 
Ersetzen Sie das Wort „muss“ durch „möchte“ und sprechen Sie diesen Satz laut aus. Spüren Sie nach, ob Sie heute wirklich Ihre… Lohnsteuerunterlagen vorbereiten, ins Gym gehen oder Ihren Ex-Partner anrufen wollen! Nein? Dann fragen Sie sich, was Sie wirklich möchten. Erst wenn Sie dieses Bedürfnis befriedigt haben, werden Ihnen die Muss-Aufgaben viel leichter fallen. 


Bastian Bretthauer

Bastian Bretthauer

Berater Fürstenberg Institut


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